Verfasst von: Billie | Sa, 11 September, 2010

30.5.2009 – Eine Hochzeit

Am 30.5. war es also soweit: meine älteste Gastschwester heiratete.

Genaugenommen sind ihr Mann und sie schon seit Anfang des Jahres verheiratet, die offizielle Feier folgt aber jetzt.

In Anbetracht der Tatsache, dass 32°C bei >89% Luftfeuchtigkeit angesagt waren, habe ich mich dagegen entschieden, meine Furisode zu tragen– auch, weil ich sonst ca. das Doppelte des Kaufpreises hätte zahlen müssen, damit sie mir jemand anzieht. Die Ankleiderei dauert eine Weile, und da ich bereits um 8:14 die Bahn nehmen musste, die meisten Salons etc aber erst um 9h öffnen bzw. für alles, was früher passieren soll, deftige Aufpreise nehmen, und ich niemanden kannte und kenne, der mir die Furisode hätte anziehen können … Nun ja. Die Entscheidung für einen schönen Rock und ein schickeres Jerseytopblusenoberteil (カットソー „kattosō“ bzw. „cutsew“, wie die Japaner sagen) stellte sich nicht nur der Hitze wegen als gut heraus, dazu aber nachher mehr. B von der Uni Köln war so lieb, mir die Haare zu machen — ich konnte das nie sonderlich gut und bin auch nicht besser geworden, dank B sah ich aber sehr präsentabel aus.

Ich saß also um 8:14 in der Bahn auf dem Weg nach Rinkū Town, wo in einer Wedding Hall (gleich mehr dazu) mit dem klangvollen Namen „Eines Villa di Nozze“ die Hochzeit stattfinden sollte. Um 10:45 sollte ich dort sein. Es wurde relativ knapp, geplant war der Zug um 8:04 gewesen — dummerweise hatte ich unterschätzt, wie schwierig es sein würde, das Bäumchen, dass ich als Hochzeitsgeschenk gekauft hatte, zu transportieren.

Ich hatte in meiner Planlosigkeit außerdem vergessen, genug Bargeld mitzunehmen, sodass ich, als ich am Endbahnhof ankam und sah, dass ich nur noch wenige Minuten hatte, um die Strecke von „ca. 10 Minuten zu Fuß“ zurückzulegen, mir kurzerhand ein Taxi schnappte und den Fahrer bat, mich so nah an die Halle zu bringen, wie er’s für 800 Yen eben konnte. Er war dann unheimlich nett, fragte, zu was für einer Hochzeit ich den führe, und übersah am Ende der kurzen Fahrt geflissentlich, dass das Meter bei 870Y stand, als er mich vor der Halle absetzte.

Letztenendes hätt ich mich wohl gar nicht so zu beeilen brauchen — ich war bei weitem nicht die Letzte. So hatte ich aber Gelegenheit, die Umgebung, die Gäste und alles andere auf mich wirken zu lassen und ein bisschen Luft zu schnappen, bevor es losging. Ich war bei weitem nicht so underdressed, wie ich befürchtet hatte, viele der Gäste kannten sich, für mich waren allerdings keine bekannten Gesichter dazwischen — Kiko und ihre Eltern waren verständlicherweise am Wuseln, Braut und Bräutigam waren beim Umziehen. Dann tauchte aber Mark, ein anderer Gastschüler aus meiner Zeit an der Tonko, auf, wir schnappten uns Getränke und hielten ein bisschen Smalltalk.

Und dann ging es los — „alle in die Kapelle, bitte!“

An diesem Punkt sollte ich vermutlich ein paar Worte zum Prinzip „Hochzeit in Japan“ sagen. Alles ohne Gewähr, basiert auf meinem Eindruck, Korrekturen und Ergänzungen werden gern angenommen.

Eine Hochzeitsfeier in Japan ist ein bisschen wie überall: das Brautpaar möchte einen wunderschönen Tag für sich und die Gäste, ein Märchen sozusagen, oft und gerne einen Traum mit modernen Brautkleidern, französischer Küche und Materialschlachten. Aus diesem Grund gibt es in Japan unzählige Wedding Halls, die sich darauf spezialisiert haben, diesen Traum wahr werden zu lassen.
Falls einer der aufmerksamen Leser bereits die oben genannte Eines Villa di Nozze gesucht und gefunden haben sollte, hat er eine typische „Hall“ gesehen: ein weißes Gebäude im Stil der Neorennaissance oder Gründerzeit, manchmal auch einer mediterranen Villa oder am Schloss Neuschwanstein orientiert. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Dem Kitsch leider auch nicht–was das angeht, war „Eines“ ganz in Ordnung. Die Einrichtung wirkte auf mich sehr Fernseh-Amerikanisch, erinnerte mich am ehesten an die Häuser, die man bei The O.C. oder ähnlichen Serien zu sehen bekommt.
Im Inneren dieser Hallen gibt es verschiedene Räume: mindestens eine „Kapelle“ bzw. ein Raum, der kirchenähnlich gestaltet ist und in dem die „Trauung“ durch einen „Priester“ (ja, ich benutze die Anführungszeichen grade inflationär, aber glaubt mir, sie sind nötig) stattfindet, dann verschiedene Empfangsräume und Speisesäle, Terrassen … alles, was das Kitschherz begehrt. Ich hatte sehr den Eindruck, dass die Inszenierung der Braut das Hauptziel dieser Veranstaltung ist– eine letzte Gelegenheit für die jungen Frauen, sich feiern zu lassen und schöne, unnütz teuere Kleidung anzuziehen, bevor sie hinter Tür und Herd verschwinden? Spekulation.

Zurück zur eigentlichen Veranstaltung. Wir gingen also in die Kapelle — die Sonne schien, durch das Fenster hinter dem „Altar“ sah man direkt aufs Meer, alles sehr schön. Eine kleine Streichergruppe spielte leise von der Orgelempore (von der ich irgendwie bezweifele, dass es eine richtige Orgel gab, aber okay), der Amerikaner in Priesterroben lächelte freundlich, der Bräutigam stand nervös vorne … alle warteten gespannt auf die Braut. Die dann nach ca. zehn Minuten erschien und unter Blitzlichtgewitter von ihrem Vater nach vorn geführt wurde.

Die Zeremonie war sehr kurz — zwanzig Minuten insgesamt vielleicht, fast komplett auf Englisch (also etwa so, als würd das bei uns auf Latein gemacht werden — alle verstehen ein klein bisschen was, aber nur wenige verstehen mehr als das bisschen). Danach ging es Gäste voran an eine Treppe: Spalier stehen. Wir wurden mit Blütenkörben ausgestattet, um das Brautpaar beim absteigen gebührend zu bewerfen. Dann gab’s Gruppenphotos aller Art, und wir wurden weitergescheucht. Diesmal nach draußen, wo der große Hochzeitskuchen angeschnitten wurde. Weitere zehn bis fünfzehn Minuten später ging es in den nächsten Saal: Hochzeitsmahl! Irgendwann verschwand die Braut kurz, um dann in einem anderen Kleid wieder aufzutauchen. Der Saal wurde abgedunkelt, das Brautpaar lief umher und zündete an allen Tischen die Kerzen an — gar nicht so einfach bei geschätzten zweieinhalb Metern Saumumfang an einer nur ca. 1,63m großen Braut und relativ engen Tischarrangements …

Das Esssen dauerte etwas länger, aber trotzdem nicht lange. Ich weiß nicht mehr genau, was es gab– der Hauptgang war irgendwas Steakartiges mit Kartoffeln und Sauce, Fisch als Vorspeise. Irgendwie so. Danach ging es noch einmal nach draußen, wo jetzt weitere (freie) Gruppenphotos mit dem Brautpaar entstanden … und ein riesiges Nachtischbuffet aufgebaut war. Irre. Ich war nicht die einzige die bedauerte, dass wir so bald wieder in den Speisesaal geführt wurden, wo jetzt Programm begann.

Reden — des Brautvaters, der Bräutigammutter, der Braut, des Bräutigams, Reden von Freunden von Braut und Bräutigam. Gesangsvorführungen („I will always love you“) einer Freundin der Braut. Viele große und kleine Tränen.

Und zum krönenden Abschluss sahen wir ein Video von der Hochzeit. Das Kamerateam, dass den ganzen Tag erstaunlich unauffällig um uns Gäste und das Paar gewuselt war, hatte während des Essens wohl den Film geschnitten — es war ein ca. 15-20minütiger Schmachtfetzen entstanden. Sehr zuckerig, sehr süß, sehr … schon rührend, aber auf mich wirkte es fremd. Naja. Gehört wohl dazu.

Und dann war’s auch schon vorbei. Die Gäste verabschiedeten sich einer nach dem anderen, Braut und Bräutigam ging sich umziehen. Ca. vier Stunden dauerte die Veranstaltung — ich war von Deutschland aus weit längeres gewöhnt; wenn eine Hochzeit in meinem Umkreis um 14h begann, war sie eigentlich nie vor 22h zu Ende. Japanische Hochzeiten sind so gesehen sehr kinderfreundlich, ich weiß noch, wie sehr ich mich bei den Hochzeiten meiner Cousins und weiteren Verwandten immer gelangweilt habe …

Eine weitere Erfahrung bleibt aber: in Japan ist es anscheinend üblich, dass die Eltern der Braut bzw. der Vater der Braut die Hochzeit bezahlt. Und Japan ist, wie vielleicht schon einmal erwähnt, eine Bar-Gesellschaft. Ich habe noch nie außerhalb eines Gaunerfilms jemanden so viel Geld in der Hand halten sehen wie meinen Gastvater an diesem Tag. Auch wenn man bedenkt, dass jeder reguläre Gast um die 30000Y „geschenkt“ hat. Hochzeit feiern in Japan kann ein teurer, teurer Spaß sein. Muss nicht, ist es aber anscheinend oft.

Und zum Thema „Gute Idee, keinen Kimono zu tragen“:
Gegen 18:30 war ich wieder in Kyōto. Schon am Umsteigebahnhof Saiin fing es an zu tröpfeln, als ich in Katabira-no-tsuji umsteigen musste, goss es. Angekommen an meinem Heimatbahnhof Narutaki hatte sich das kein Stück gebessert.
Ich hatte keinen Schirm dabei — hätte ich einen gehabt, hätte er mir bei dem Guss auch nicht viel genützt. Ich war aber gut gelaunt, es war warm … und letztenendes bin ich barfuß, Schuhe und Tasche fest in eine Plastiktüte gewickelt, nach Hause gelaufen. Der Fußweg dauert ca. sieben Minuten. Ich war komplett durchnässt. Hätte man mich in ein Schwimmbecken geworfen, ich hätte nicht stärker tropfen können. Der stellvertretende Hausmeister war ziemlich entsetzt — in Japan hält man sich an die Gleichung „nass geworden = erkältet sich bestimmt gleich“, so wie in meiner Familie „Zugluft abbekommen = Erkältung“ gilt, weswegen schon beim kleinsten aller Nieselregen der Schirm ausgepackt wird. Das hier war kein kleiner Nieselregen.

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