Verfasst von: Billie | So, 15 Februar, 2009

Hokkaidō

Ich hatte einen Reisebericht für Hokkaidō versprochen, und bevor ich mich heute Abend auf nach 白馬 mache, sollte ich das wohl in Angriff nehmen.

Die Reise begann mit geringfügigem Chaos, als drei der sechs Leute, die sich am I-House treffen wollten, nicht zur verabredeten Zeit auftauchten. Es stellte sich dann heraus, das eine Person direkt zum Hauptbahnhof Kyōto fahren würde; wir übrigen fünf schafften es dann aber doch noch, die Bahn zu kriegen, und trafen am Hauptbahnhof die anderen. Der Schnellzug nach Tsuruga (敦賀), von wo aus wir die Fähre nehmen würde, war dann auch bald da, und in Tsuruga selbst erwartete uns der altmodischste Bahnhof, den ich bislang in Japan gesehen habe– keine 改札, wie die automatischen Kartenkontrollschranken genannt werden, keine Möglichkeit, die Prepaid-Karte ICOCA zu verwenden (sowas ähnliches wie die Oyster Card in London), und keine Annahme von Geldscheinen außer 1000Y. Wenigstens gab’s ’nen Kartenschalter, sonst hätt’s auf der Rückfahrt Probleme gegeben …

Bis zur Abfahrt des Shuttlebuses, der und zum Fährhafen bringen würde, dauerte es ca. eine Stunde; die Fahrt selbst ging schnell vorbei, und der Check-in für die Überfahrt war erstaunlich schnell und schmerzlos– in eine Liste mussten die Namen aller Passagiere, für die ich Karten gekauft hatte, mit Nationalität, Geschlecht und Alter eingetragen werden, und auf ging’s. Im Prinzip. Dann kam nämlich noch die Hiobsbotschaft, dass die Fähre etwa eine Stunde Verspätung haben würde, was für uns hieß, dass wir den günstigen Zug nach Sapporo nicht mehr erreichen würden … Ratlosigkeit. Können wir die erste gebuchte Nacht im Hotel noch kündigen? Was würde das kosten? Letztenendes hing ich dann am Telefon und entschuldigte mich x-Mal, aber wir konnten ohne weiteres die erste Nacht kündigen und beschlossen, uns in 苫小牧, wo wir landen würden, Zimmer zu suchen, da das vermutlich die billigste Lösung sein würde.
Einmal an Bord wurden wir in Richtung der Kabinen zweiter Klasse gewiesen– unter Deck, ohne Fenster, aber sehr sauber.
Drei japanische Herrschaften verzogen sich bald wieder aus dem Raum, in dem wir acht es uns auf dem Boden bequem gemacht hatten– wir waren nicht mal laut, aber wie Morgan richtig sagte, lag es sicher weniger an der Tatsache, dass wir Ausländer sind (drei weiße, fünf Asiaten; zweimal Amerikan, viermal Kanada, einmal Malaysia und einmal Deutschland– buntgemischt eben), und mehr daran, dass wir eine achtköpfige Gruppe junger Leute um die zwanzig sind. Ich glaube, ich hätte mir auf der Fähre auch einen anderen Raum gesucht, wenn ich uns gesehen hätte.

Als wir uns unseren Schlafplatz suchten, wussten wir allerdings nicht, dass wir uns in den nächsten einundzwanzig Stunden nicht oft, viel oder weit vom Platz bewegen würden. Die angekündigte Verspätung lag am stärkerem Seegang, und vier unserer Mannschaft wurden erbärmlich seekrank. Dem Rest ging es nicht blendend, aber Eric, Michelle, Ivan und ich mussten uns zumindest nicht übergeben. Mir persönlich ging es prima, bis alle um mich herum plötzlich anfingen, sehr blass um die Nase zu werden; danach war lange Stehen (was beim Seegang ohnehin schwierig war) und viel Essen außer Frage. Aber irgendwann war die Fahrt vorüber, wir liefen in Tomakomai ein und Jun war völlig aus dem Häuschen: „Snow! Snow!“, woraufhin Morgan, die sich nur auf festen Boden unter den Füßen freute, trocken kommentierte „Jun– this is not the time for being all Malaysian.“ Gelächter, und dann waren wir dort. Hotel wurde schnell gefunden, und als es sogar nur ca. die Hälfte unserer Unterkunft in Sapporo kostete, waren alle wieder verhältnismäßig guter Dinge– ich für meinen Teil fühlte mich allerdings jetzt an Land seekranker, als ich’s auf dem Boot war, weil irgendwie alles immer noch schwankte …

Am nächsten Morgen fuhren wir dann nach Sapporo, lieferten unseren Kram bei unserem Hotel ab und machten uns auf, die Stadt zu erkunden. Im 大通りパーク (Ōdōri Park), der das Stadtzentrum in Nord und Süd teilt, war die erste Station des Schneefestes aufgebaut — hunderte von Schneefiguren, von Tieren des Ozeans über Totoro und Minnie Maus zu Schlössern und Tempeln aus Schnee. Meine Kamera ist nach wie vor nicht repariert, weshalb ich kaum Bilder habe, aber die anderen haben eifrig geknipst. Die Gruppe spaltete sich ziemlich bald in kleinere Fraktionen auf; ich bin mit Eric und Jennie durch die Gegend gelaufen. Abends sahen wir uns den „Partystadtteil“ Susukino an, wo Eisskulpturen beleuchtet und ausgestellt waren — eine der seltsamsten Konstruktionen hatte echte Fische im Eis eingefroren. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das Kunst oder Lebensmittelverschwendung ist, aber es sah hochinterressant aus.

An dieser Stelle ein paar Worte zum Essen– gut essen kann man auf Hokkaidō, und es muss nicht teuer sein. Montag Mittag hatte ich ein Set mit einer Schüssel udon und einem namachirashi-don, einer Schüssel Reis mit frischem Fisch und Ikra obendrauf; abends waren wir in einem etwas teureren Restaurant, wo ich mir mit Jennie sūp karē nabe, ein suppiges Eintopfgericht mit Curry, geteilt hab– ganz anders als der 08/15-Curryreis, den man sonst bekommt, und unglaublich lecker. Am Dienstag gab’s morgens Hotelbuffet– sehr, sehr gut, kann man nicht anders sagen; westliche und japanische Gerichte, großartige Croissants … gehobenes Hotelfrühstück eben. Mittags Koreanisch– dolsot bibimbap; Reis wird mit Gemüse, Fleisch, Chilipaste und einem rohen Ei in einem sehr, sehr heißen Steintopf serviert, und dann rührt und rührt und rührt man, bis eine breiig-leckere Masse entsteht; schmeckt sehr gut, auch, wenn’s seltsam klingt, und „Dschingis Khan“, Lammfleisch, das man selbst am Tisch grillt (vergleiche yakiniku) . Dschingis Khan wird als eine Spezialität von Hokkaidō gehandelt, aber da die gesamte Grillfleischsache aus Korea kommt, hab ich beschlossen, das Essen in seiner Gesamtheit als Koreanisch (oder japanisch-pseudokoreanisch) einzuordnen. Die nächsten beiden Mahlzeiten waren zusammengeschmissenes aus dem Supermarkt und Hotelfrühstück (s.o.), und mittags gab’s dann Rāmen aus der „Rāmengasse“, dem sog. ラーメン横町, einem Gässchen in Sapporo, in dem ausschließlich Rāmen in allen Formen verkauft werden. Ich hatte Miso-Rāmen, weil das die Hokkaidōer Spezialität ist (…erkennt man eine Muster?), und habe beschlossen, dass ich sowas häufiger essen muss. Einfache Gerichte können so toll sein.

Weiter im Text. Dienstag standen das Biermuseum von Sapporo, die „Fabrik“ (eine alte Fabrik, die jetzt ein Einkaufszentrum ist) und Otaru auf dem Plan. Das Biermuseum war nett, ist aber für Leute ohne Japanischkenntnisse leider nicht sonderlich aufschlussreich– Auf zehn Zeilen japanischen Text kam eine in Englisch, andere Sprachen waren gar nicht verfügbar, aber ich hab mich amüsieren können, da doch einige der Ausstellungsstücke auf Deutsch beschriftet waren.

Otaru — der Besuch war für meinen Geschmack viel zu kurz. Wir trafen am Kanal einen Journalisten, der grade an einem Reiseführer zu den Süßigkeiten Hokkaidōs arbeitete — in Japan ist Reisen und Essen untrennbar miteinander verbunden, weswegen es auch keine Seltenheit ist, dass Leute hier auf dreitägigen Reisen drei-bis fünfhundert Euro nur für Essen ausgeben, jedenfalls wenn man von den Futterführern ausgeht, die im Hotel auslagen und mit Futtertouren zu „nur 20000Y pro Tag!“ warben. Jedenfalls ist das hier durchaus ein lukratives Geschäft. Als der Herr feststellte, dass wir Japanisch sprechen, fing er an, uns auf der kleinen Karte, die ich am Bahnhof eingesackt hatte, alle möglichen spannenden Essensplätze zu zeigen; leider haben wir es nicht geschafft, den Laden mit All-you-can-eat Dschingis Khan für 1700Y aufzusuchen, aber die Süßigkeitenläden haben wir abgeklappert.
Um vom Essen wegzukommen– das Spieluhrenmuseum war noch genau so toll und superkitschig, wie ich’s in Erinnerung hatte; die Stadt ist immer noch unglaublich niedlich, und ich will nochmal für länger hin, damit ich endlich auch die Glasbläserei in Ruhe besichtigen kann. Die Straße der Schneelichter, 雪あかりの路, war unglaublich schön– Schneelaternen, Eislaternen, Laternen aus geblasenem Glas ließen den Schnee funkeln und leuchten. Sehr, sehr schön, und wieder war meine Kamera hoffnungslos überfordert.

Mittwoch schließlich musste ich feststellen, dass Museen auch in Japan Feiertags geschlossen haben (Geschäfte aber nicht, versteh das einer); das Ainu-Museum fiel daher leider flach. Michelle schleppte uns dann zu einer Ausstellung im Geschichtsmuseum (?), das seltsamerweise geöffnet hatte, die auch sehr nett war. Dann bin ich etwas durch die Gegend geirrt, habe in einem Café ein völlig überteuertes, aber sehr gutes Parfait gegessen, in einem Supermarkt Getränke und Brot Toast für die Überfahrt gekauft (Hinfahrt ließ grüßen, weshalb ich auf alles, was abenteuerlicher als Obst und trockenem Toast war, verzichtete) und auf ging’s Richtung Fähre.

Die Rückfahrt war erstaunlich angenehm. Sie ging viel, viel gruseliger los als die Rückfahrt, aber war letztenendes sehr viel ruhiger, und unsere gesamte Gruppe war in der Lage, sich frei an Bord zu bewegen. Mein persönlicher Reisehöhepunkt war, als wir am Donnerstagnachmittag von einem Mittvierziger, der nach Biker oder Trucker aussah, angesprochen wurden: „Doruhin! Doruhin!“, was nach ein, zwei „…bitte was?“-Sekunden in helle Aufregung umschlug: er hatte Delphine gesichtet! Und tatsächlich sah ich dann auch etwa hundert Meter vom Schiff zwei springen, und möglicherweise von einem dritten die Rückenflosse. Vielleicht war’s auch dreimal der gleiche, aber ich hab zum ersten Mal in meinem Leben echte Delphine gesehen, und ich muss sagen, dass es unglaublich elegante Tiere sind. Ich hatte eine kurze Unterhaltung mit dem Herrn, der uns darauf hingewiesen hatte, und er sagte, er sei schon sehr oft diese Strecke gefahren, hätte aber zum ersten Mal Delphine gesehen. Glück gehabt!

Wieder in Tsuruga gab’s dann Probleme mit dem Fahrkartenkauf, aber auch das löste sich, und nachdem ich beim Umsteigen beinah mein Gepäck im Zug vergessen hätte (…ich weiß, ich weiß), kamen wir kurz vor Mitternacht erschöpft, aber zufrieden im I-House an.

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Responses

  1. Lokale Spezialitäten probieren… 懐かしい! Klingt, als ob ihr viel Spaß hattet – schön! ^^

  2. *lacht* Oh, wir hatten großen Spaß. Ich war wegen der Ainu-Ausstellung etwas enttäuscht, hätte das wirlklich gern gesehen… aber sonst war’s toll!


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