Verfasst von: Billie | Di, 7 Oktober, 2008

Alltag

Der Alltag hat sich jetzt endgültig eingestellt. Ich habe ein Bankkonto, ein eigenes Telefon, mein Stipendium (Willkommensgeld + September + Oktober) wird Ende des Monats auf einen Schlag überwiesen und dann bin ich reich mir ermöglichen, wieder was zu unternehmen — ich komme momentan zwar gut über die Runden wie in Deutschland auch, habe genug zu Essen, stöhne über teure Lehrbücher und könnte, wenn ich wollte, einmal die Woche mit Freunden weggehen. Problem dabei ist nur, dass die meisten anderen hier die ersten Wochen in Japan damit zu nutzen scheinen, dass sie alle Touripunkte Kyōtos auf einmal abhaken zu wollen …

Aber fassen wir zusammen.

Uni

Mein Stundenplan ist ziemlich voll — elf Veranstaltungen; je anderthalb Stunden, HAUFENWEISE Hausaufgaben. Ich hab vier Japanisch-Veranstaltungen (grau), je zwei Veranstaltungen, die a.) vornehmlich für ATS gedacht sind (gelb), b.) nur für Kurzzeit-ATS gedacht sind (pfirsich), und c.) für reguläre japanische Studenten gedacht sind (grün). Außerdem eine Vorlesung zu den Vereinten Nationen auf Englisch, an der japanische Studenten sowie Austauschstudenten aus dem englischsprachigen JWP-Programm teilnehmen (blau).

  Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag
900 – 1030   日本語IV – 読解・語彙 日本語II – 文法・文章表現   グローバライゼーションとジェンダー(国関)
1040 –  1210       超級日本語 日本語VI – 聴解・口頭表現
1210 –  1300 昼休み
1300  1430     日本語教授法 II The United Nations ジェンダー論J (法)
1440 –  1610 日本語言語学II   (15:30 – 17:00) 茶道    
1620 –  1750 書道      

Die Japanischkurse sind teils unterhaltsam, teils langweilig, aber sie sollten allesamt etwas bringen. Debattieren auf Japanisch, achduschande … unter anderem wurde auch gesagt, dass mein Leseverständnis-Kurs innerhalb einer Woche ein zweihundert Seiten dickes Buch lesen solle, was ja an und für sich kein Problem wäre, aber auch hier wieder — Japanisch. Ich bin so langsam; das tut meinem Ego nicht grad gut. Wenigstens nehmen die anderen Kursteilnehmer das ganze nicht so ernst („Wie, du willst das echt lesen? Ich hab’s noch nicht mal gekauft!“), das beruhigt mich etwas. Ist auch ganz interessante Lektüre – 『若者の法則』 von Kayama Rika.

Die beiden Veranstaltungen, die ich mit japanischen Studenten belege, sind beide zum Thema Gender — soweit sehr viele Grundlagen, aber es waren auch erst zwei Sitzungen, und es ist auf jeden Fall interessant, das Thema aus einer nicht-euroamerikanischen Perspektive zu behandeln — viele Fragen, die in Europa und Nordamerika eine riesige Rolle spielen, kommen hier gar nicht auf, dafür aber andere, auf die man in Europa ohne weiteres gar nicht käme. Spannend.

Die bislang interessanteste Veranstaltung für japanische und Kurzzeitaustauschstudenten ist die englische Vorlesung zur UN — regt zum Nachdenken an, und der Dozent eröffnete mir auf Nachfrage, dass es nicht nur in Kyōto MUN gibt, sondern sogar einen Ritsumeikan-eigenen Zirkel bzw. „Circle“ — er will zur nächsten Sitzung ein paar Infomaterialien mitbringen. Das wär’s doch, MUN in Japan.

Wegen Circles muss ich mich sowieso nochmal schlau machen — von Eiskunstlauf über Modedesign zu Freiwilligenarbeit und Campusradio gibt’s hier eigentlich nichts, was es nicht gibt, so jedenfalls der Eindruck. Wäre sicher eine gute Gelegenheit, noch ein paar Leute kennen zu lernen.

Wohnheim

Ich hab hier im I-House unheimlich viel Motivation, doch noch mal anzufangen, Koreanisch oder Chinesisch (Mandarin) ordentlich zu lernen – das Sprachwirrwarr im Wohnheim ist unglaublich, und es passiert durchaus, dass ich abends in die Küche komme, die Anwesenden mit 안녕(하스요) begrüße, auf Japanisch und Englisch weiterquatsche und mich mit 晩安 verabschiede … Macht Spaß.

Einkaufen ist nach wie vor ein Abenteuer. Die meisten Dinge, die ich in Deutschland mal eben so gekocht oder gekauft habe, sind hier schlicht nicht machbar — Brot? Fehlanzeige (Toast ist zu kriegen, aber auch nur die Weißbrotvariante), Milchprodukte kosten etwa das Doppelte, Fleisch ist sowieso teuer und oft nur super dünn geschnitten zu haben. Dafür ist logischerweise all das, was in Deutschland im Asiamarkt unerschwinglich ist, spottbillig. Ich hab mir fest vorgenommen, hier zu lernen, wie man Fisch brät und kocht; mal sehen, was das wird — der erste Versuch mit gegrilltem Lachs war durchaus essbar, nur wird mir das in einer deutschen Küche ohne Fischbratschublade im Herd herzlich wenig nützen.

Ansonsten ist im I-House immer was los — wenn man Gesellschaft will, geht man in eine der drei Küchen oder in den Aufenthaltsraum, relative Ruhe findet man im eigenen Zimmer. Ich bin Tag für Tag glücklicher mit meiner Entscheidung, ins I-House zu ziehen, obwohl ich den steilen Hügel auf dem Weg zur Uni immer noch verfluchen könnte.

Leute

Ich kenne mittlerweile einen ganzen Haufen Leute; habe bei einer kleinen Vorstellungsrunde für die gute alte EKUT drei deutschlandinteressierte Mädels kennen gelernt, von denen zwei vermutlich in Tübingen landen werden, die dritte (die ’ne zeitlang in Hamburg gelebt hat, lustig!) wahrscheinlich in Köln, wenn mein Gefühl stimmt.

Am letzten Sonntag (28.9.) hab ich mich mit Naoko, Kumi, Sayo und Gordon getroffen und wir haben gemeinsam die Gegend um den 清水寺 unsicher gemacht. Hinterher bin ich noch zu Naoko und ihrer Schwester gefahren, wir haben zusammen O-nabe (japanischen Eintopf, typisches Winter-/ Herbstessen) gegessen und gequatscht und hatten generell einen netten Abend. Darf häufiger passieren.
Diesen Sonntag war ich mit Leuten aus den anderen Wohnheimen (Lapita und I-House II) sowie einem der Buddies beim Karaoke; nachdem Jamie, Dokken und Raisa gegen 22:30 gehen mussten, haben Shimpei, Jess und ich noch bis kurz nach eins durchgehalten … entsprechend hinüber war ich dann die letzten beiden Tage, aber irgendwie war’s das wert. Karaoke ist was tolles. Sollte Shimpei seine Drohung, die Videos, die er von uns beim YMCA-Singen und -Hampeln gemacht hat, bei Facebook hochzuladen, wahr machen, werde ich ihn allerdings erledigen müssen. Heimlich, still und leise.

Sonst

Was sonst? Kyōto ist ideal mit dem Fahrrad zu erkunden, allein schon, weil eine Bus- oder Straßenbahnfahrt um die 200¥ kostet. Das ist beim Fahrstil der Einheimischen allerdings nicht unbedingt spaßig — fängt an mit Radfahrern, die einem auf der falschen Seite entgegenkommen und dann erwarten, dass man sie innen vorbei lässt, und endet mit Autofahrern, denen Zebrastreifen einfach völlig egal sind. Ich hab mir im besagten Kiyomizudera vorsichtshalber einen Glücksbringer für Sicherheit im Straßenverkehr gekauft.

100¥-Shops wie Daisō sind böse. Man bekommt dort zwar alles für 100¥, aber erstens verleitet das zu Schwachsinnskäufen und zweitens vergisst man schnell mal, dass der gleiche Gegenstand im Supermarkt um die Ecke vielleicht nur 88¥ kostet …

Außerdem: Bitte, Euro, benimm dich und komm zurück! Ich hab mit einem Wechselkurs von mindestens 150¥/Euro gerechnet, nicht mit mickrigen 139!

Advertisements

Responses

  1. billie, du lebst noch, das ist schön (;

    lass dich nicht knicken von doofen testergebnissen, ja? sicher, das ego freut sich nicht, aber sieh es als chance es beim nächsten test besser oder anders zu machen, hm? (: auch wenn du das jetzt mehrere jahre lernst und übst, musst du nicht perfekt sein, du lernst ja immer noch. also keine panik, du schaffst das, und nach diesem jahr wird dein japanisch besser denn je sein, versprochen 😀

    lass es dir gut gehen und halt uns weiter auf dem laufenden, cutie.

    hugs,
    tini

  2. Hey Billie,

    ich hoff mal, du bist wieder einigermaßen „auf’m Damm“ – seine eigenen Erwartungen nicht zu erfüllen macht keinen Spaß, aber wie sagt der Japaner als Allround-Ratschlag zu so ziemlich allem zwischen anstrengenden Hausaufgaben und globalen Hungerkrisen? „Ganbatte!“! (sorry, falls dir das möglicherweise schon so zu den Ohren rauskommt, wie es bei mir manchmal der Fall war)

    Die Veranstaltungen zu Gender klingen interessant, da bin ich ja fast ein bisschen neidisch. 😉 Und nachdem ich mit meinem Club an der Gaidai im Großen und Ganzen so gute Erfahrungen gemacht hab, kann ich wie immer nur Werbung dafür machen, dass du auch ’nem Circle oder so beitrittst. So viel „normales“ Japanerleben hab ich sonst nur bei meiner Gastfamilie mitgekriegt, glaub ich – neben den netten Leuten, die ich dadurch kennengelernt hab, natürlich ein absoluter Bonus für mich. ^^ Halt die Ohren steif!! *hugs*

  3. Mach Modedesign! *begeistert auf und ab hüpf* *hüstel*
    Naja, vielleicht nicht, aber bin auch dafür, dass du irgendsowas tolles machst.

  4. Antjes Aussage würde ich so sofort unterschreiben ^^

  5. *neidneidneidneidneid* !!!!!!
    Und MUN in Japan, lol. Bei unserer Sheraton Session waren welche von der Doshisha da.

  6. *lacht* Ach, Leute. Ihr seid toll.

    @martini: ich geb mir Mühe. Faultiernatur und übersteigerter Perfektionismus sind halt keine gute Kombination (^^; ).
    Ich hoffe auf jeden Fall, dass mein gesprochenes Formaljapanisch besser wird (die Debatte war ein DESASTER) — vielleicht sollte ich einfach Nachrichten hören und analysieren, die Sprecher da drücken sich ja auch einigermaßen wissenschaftlich aus. *seufzt*
    Aber: ja, ich lerne. Hoffe ich zumindest.

    @Ines: OH JA, verdammt. Ich benutz das aber inzwischen auch schon als Allzweckwaffe; „Gambatte“ passt immer wieder mal. Aber meistens geht’s. Wegen der Clubs und Circle muss ich halt mal gucken — ich häng momentan eh noch im Zwiespalt von „mehr mit den Leuten machen, die ich hier schon kenne und mag“ und „lernen! OMG ICH HÄNG HINTERHER!“, weil ich ersteres gelegentlich tun MUSS, wenn ich weiterhin eingeladen werden will, und letzteres tun muss, wenn ich nicht völlig den Anschluss verlieren will. Irgendwie doof, aber wird schon.

    @Antje: *drückt* Irgendwas tolles findet sich sicher.

    @Liathlann: Hehe. Ich hoffe, von dir gibt’s auch demnächst wieder was zu lesen?

    @Susanne: Ich muss mal gucken. Mein „wissenschaftliches“ Japanisch ist unter aller Sau, ich hoffe, dass ich das im Laufe des Jahres, besser noch Semesters, in den Griff kriege … und wenn die ihr MUN auf Japanisch machen, kann ich’s vergessen. Naja, wird sich zeigen.

  7. Naja, aber auch wenn’s auf Japanisch ist- es wäre mal eine interessante Erfahrung, oder?


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: